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tcworld Magazin | 2010.Jahrgang |
Folgen der globalen
Rezession
Lokalisierung in Zeiten des
wirtschaftlichen Abschwungs
von Emmanuel Margetic
Die globale Rezession hat viele Unternehmen in eine gefährliche Enge
getrieben: da sie den Gürtel enger schnallen müssen, überdenken sie die Budgets
für die Lokalisierung neu, mit der Absicht, kurzfristig Kosten einzusparen.
Dies könnte jedoch zur Folge haben, dass sie, wenn die Konjunktur wieder Fahrt
aufnimmt, für die Erholung wichtige Aufträge nicht bekommen, weil sie den Aufwand für Lokalisierung gekürzt haben. StelIen Sie sich mal folgendes
Szenario vor: Sie haben sich ein Möbelstück zum Selbstzusammenbauen gekauft und
schlagen gerade die Montageanleitung auf. Doch das, was Sie da lesen, kommt Ihnen vor, als hätte es ein Erstklässler geschrieben. Wie reagieren Sie darauf? Versuchen Sie die Anweisungen zu enträtseln oder schmeißen Sie das ganze Heft gleich in den Müll?
Mit Sicherheit waren schon
viele von uns in solch ärgerlichen Situationen. Unternehmen, die ihre Produkte weltweit verkaufen, sehen sich einem neuen Trend
gegenüberstehen: Lokalisierung ist nicht mehr genug.
Die Kunden erwarten den nächsten Schritt: Lokalisierung 2.0. Diese ist weitreichender als die Standard-Globalisierung und
bedeutet maßgeschneiderte Informationen für jedes Land, basierend auf
kulturellen Unterschieden und linguistischen Nuancen. In vielen Fällen heißt
dies nicht nur Lokalisierung für das Land, sondern auch Lokalisierung für
spezifische Regionen und Dialekte.
Da Firmen immer mehr international auftreten, sind sie inzwischen vertraut mit diesem Trend. Kunden betrachten Firmen sehr viel
wohlwollender, wenn sie Informationsmaterial bekommen, das auf ihre Bedürfnisse
zugeschnitten ist. Obwohl einige Firmen sich schon
seit längerer Zeit damit befassen, wurde die Lokalisierung erst in jüngster
Zeit zum breiten Trend. Des Weiteren müssen Firmen
entscheiden, ob sie auf jeden Markt, auf dem sie tätig werden, speziell
eingehen sollen. Diese Entscheidung fällt nicht immer
leicht.
Die globale Rezession zwingt Unternehmen überall zu Einsparungen und
dazu, sich genau zu überlegen, wie sie die knappen
Ressourcen einsetzen. Bei diesen Überlegungen geraten sie
fast zwangsläufig in einen interessanten Zwiespalt. Werden sie die
Ausgaben für Lokalisierung kürzen in der Hoffnung, dass der Effekt nicht all zu
schwer wiegt? Oder verschreiben sie sich dem Trend zur Globalisierung2.0 und
behalten ihren Aufwand für Lokalisierung bei, um sich einen Vorteil gegenüber
ihren Wettbewerbern zu verschaffen?
Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten.
Die vielen Faktoren, die dabei eine Rolle spielen, lassen die Entscheidung für
jede Firma unterschiedlich aussehen. Dabei muss das Augenmerk auch auf den
Wettbewerb und dessen Lokalisierungsstrategien, auf die Besonderheiten des
Marktes und die Position des Unternehmens in diesem Markt gerichtet werden.
Nachdem sie diese Faktoren erkannt und bestimmt haben, müssen die
Entscheidungsträger noch den Wert der Lokalisierung für ihr Unternehmen
abschätzen. Auch das ist nicht einfach, da es bis
jetzt noch keine Untersuchungen gibt, die konkret nachweisen, welchen Ertrag
die Investition in Lokalisierung bringt. Das Konzept der Lokalisierung ist sinnvoll und die Firmen spüren die bessere Akzeptanz
lokalisierter Dokumentation, jedoch sind spezifische Ertragsstatistiken nach
wie vor nicht eindeutig.
Da es an konkreten Zahlen fehlt, um zu entscheiden, ob an der Lokalisierung
gespart werden soll oder nicht, ist es am besten sich am langfristigen Nutzen
zu orientieren. Diejenigen, die an der Lokalisierung
sparen, haben zwar kurzfristig niedrigere Kosten, werden sich jedoch nach der
Rezession nicht so schnell erholen. Dann, wenn die Konsumenten wieder mehr
kaufen und eine Firma dann am internationalen Markt schwach vertreten ist, kann sie die Chance, ihren Marktanteil zu erhöhen,
nicht nutzen. Auf Grund der Rezession werden einige Firmen einfach nicht
mehr die Ressourcen haben, um zu lokalisieren. Wenn dies der Fall ist, entscheidet sich die Frage von allein – ohne die
betroffene Firma. Firmen jedoch, die die Ressourcen haben und sich entscheiden,
in die Lokalisierung weiter zu investieren, werden zwar während der Rezession
finanziell unter Druck geraten, können aber nach der Flaute von ihrer starken
Präsenz am internationalen Markt profitieren – insbesondere, wenn die
Konkurrenz sich zurückgezogen hat.
Die Firmen, die für sich entschieden haben, dass sich der
Lokalisierungsaufwand lohnt, müssen sich noch folgende Fragen beantworten:
Wie lokalisieren wir am besten? Wie erreichen wir Lokalisierung mit den geringsten Kosten? Diese Fragen führen wiederum
zur Kontroverse Qualität gegen Quantität.
Mit der Absicht gleichzeitig Kosten zu sparen und am
internationalen Markt präsent zu bleiben, ziehen einige Firmen das sogenannte
Crowdsourcing in Betracht. Crowdsourcing ist das Offenlegen eines Projektes für
eine Gruppe von Leuten, die gemeinsam fertig stellen, was üblicherweise von
einem einzelnen Mitarbeiter bearbeitet werden würde. Dies
ermöglicht einer Firma ihre Materialien durch Leute übersetzen zu lassen, die
gerne übersetzen und es für geringe Bezahlung tun.
Wer an dieser Möglichkeit interessiert ist,
sollte jedoch beachten, dass dabei Kosten entstehen, die nicht sofort ins Auge
fallen. Die Übersetzung wird zwar nicht Wort für Wort in Rechnung gestellt,
dagegen kann der personelle Aufwand der Gruppenbetreuung beträchtlich sein. Die
Firma muss die Gruppe erst mal zusammenstellen, muss die Kommunikationswege
aufbauen und ein gutes Gruppenklima schaffen. Unter anderem heißt das, dass die
Firma interne Mitarbeiter bereitstellen muss für die Betreuung der
Übersetzungsprojekte. Des Weiteren könnte sie Software für
Projektmanagement und eine Kontakt-Datenbank für Übersetzer früherer Projekte
benötigen. Auch die Kosten für Geschenke an Übersetzer, die freiwillig
ihre Zeit für Projekte zur Verfügung gestellt haben, müssen berücksichtigt
werden. Alle diese Kosten sollten bei einer Entscheidung für oder gegen Crowdsourcing berücksichtigt werden.
Bedacht werden muss auch, dass man über Crowdsourcing durchaus eine gute
Übersetzung bekommen kann, dass dies aber nicht garantiert ist.
Für Branchen mit Kultprodukten, die über passionierte Anhänger verfügen, sind
die Chancen sehr viel besser, eine hochwertige Übersetzung zu bekommen, da die
sich der Übersetzung widmende Gruppe emotional mit dem Gegenstand verbunden ist.
Branchen mit Produkten ohne Kultstatus, werden es entsprechend schwerer haben,
die Qualität zu erhalten, die sie benötigen. Die Fähigkeiten zu lokalisieren,
werden sich außerdem von Gruppe zu Gruppe stark unterscheiden.
Unter dem Strich kann man sagen, dass Crowdsourcing eine interessante
Alternative ist; ob es aber wirklich von Nutzen sein kann, hängt von besonderen
Umständen ab. Es ist potenziell kostengünstig und präzise, kann aber auch zur
Verschwendung von Geld, Zeit und Aufwand für den Aufbau der benötigten
Infrastruktur führen, bei nur mittelmäßigen Ergebnissen.
Wenn eine Firma das Crowdsourcing in Betracht zieht, sollte sie zunächst
abwägen wie hoch der Schaden wäre, wenn die fraglichen
Materialien nicht korrekt übersetzt und lokalisiert werden. Für
einfache, direkte Übersetzungen mag Crowdsourcing eine Option sein. Zum
Beispiel, die Internetseite einer sozialen Gruppe mit ein paar einfachen Zeilen
Text, könnte über Crowdsourcing leicht das gewünschte Niveau erreichen. Auf der
anderen Seite werden Firmen, die komplizierte Anleitungen für medizinische
Geräte, Warnschilder für gefährliche Fertigungsanlagen oder komplexe
Patentdokumente übersetzen müssen, es schwerer haben, die Präzision zu
erzielen, die hier erforderlich ist. Alle Optionen und Risiken zu kennen, hilft
Firmen auf jeden Fall dabei, die richtige Entscheidung
zu finden und letztlich das gewünschte, positive Ergebnis zu erzielen. Alle Informationen, die an bestehende und
zukünftige Kunden geliefert werden, sind wichtig. Projektkritische
Informationen wie die Wiedergabe von Vorschriften oder die Beschreibung von potenziell gefährlichen Materialien müssen jedoch mit
äußerster Sorgfalt erstellt werden. Der beste Weg, um eine Übersetzung hoher
Qualität zu bekommen, ist, einen Sprachendienstleister
zu beauftragen. Diese sind jedoch nicht alle gleich
gut geeignet. Einige benutzen automatische
Übersetzungwerkzeuge, um einen hohen Durchsatz an Information zu erreichen,
andere wiederum verzichten auf jegliche technische Hilfe und stellen alles
manuell fertig. Das bedeutet, dass sie sich alleine auf menschliches
Wissen verlassen, ohne auf Texte früherer Übersetzungen aufzubauen oder kundenspezifische Bedürfnisse zu erkennen. Zur
Minimierung des Risikos einerseits und Wahrung von Qualität und Effizienz
andererseits sollte eine Firma für die Lokalisierung ihrer Materialien
Dienstleister bevorzugen, die mit einer Kombination aus technischen
Hilfsmitteln und menschlicher Kompetenz arbeiten.
Neben den methodischen Unterschieden haben Dienstleister einen
unterschiedlichen Grad von Kompetenz, was die Qualität und Tiefe der
Lokalisierung beeinflusst. Für eine hochwertige, lokalisierte Übersetzung, muss
der Dienstleister sowohl die Kultur als auch die
Sprache des Zielmarktes kennen. Eine Übersetzung lokalisiert
sich nicht durch Zufall. Die Lokalisierung gelingt nur, wenn der
Übersetzer weiß, wann er etwas auslassen kann oder wann er geeignete Änderungen einbringen muss, um die Übersetzung für die
Zielgruppe attraktiv zu machen.
Zusätzlich zu den Betrachtungen hinsichtlich der Auswahl der Übersetzer
und der Entscheidung wie übersetzt werden soll, kommt die Tatsache, dass
Sprachendienstleister versuchen, Übersetzung und Lokalisierung für den Kunden
so bequem wie möglich zu gestalten, sowohl beim Preis als auch beim personellen Aufwand. Das kann ein Vorteil sein für Firmen, die eine
einfache, standardisierte Lösung suchen. Für Unternehmen, die für sich die
beste Strategie und Methode anstreben, wird es schwerer. Beim Abwägen der
vielen Möglichkeiten müssen Firmen immer im Auge behalten, was notwendig ist für erfolgreiches, internationales
Agieren.
Die Toleranz der Kunden gegenüber schlechten Übersetzungen nimmt ab und
dies beeinflusst die Stellung einer Firma am internationalen Markt.
Globalisierung 2.0 ist ein starker Trend, aber Firmen
werden nicht davon profitieren und möglicherweise zu viel Geld ausgeben, wenn
sie nicht die richtigen Übersetzungstechniken einsetzen. Unternehmen wiederum, die
nicht ausreichend gut übersetzen und lokalisieren, riskieren, dass die Kunden
ihre Dokumentation in den Müll werfen und versuchen, selbst herauszufinden, was
zu tun ist. Jeder, der schon einmal Möbel
zusammengebaut hat, kann ein Lied davon singen, wie frustrierend das sein kann.
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